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Die geldlose Gesellschaft als endgültige Lösung der Finanzkrise?

Foto: Rido-Fotolia.com
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(AK) Es ist eine Vorstellung, die Künstler, Dichter, Denker und Freigeister schon immer fasziniert und beschäftigt hat, und die aus vielen Perspektiven einem gesellschaftlichen, globalen Idealbild entspricht: Eine Zukunft, in der Geld keine Rolle mehr spielt. Es ist eine Vision, die besonders Autoren der Science-Fiction-Literatur zahl- und facettenreich aufgegriffen haben, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Vollendet wurde sie vermutlich im Star-Trek-Universum. Hier sind Leistungen nicht mehr an Geldwerte und umgekehrt gebunden, man arbeitet aus freien Stücken und lediglich aus Gründen der Selbsterfüllung und für die Gemeinschaft.

In Episode 26 der ersten Staffel von „Star-Trek: The Next Generation“, die den Titel „die Neutrale Zone“ trägt, wird dieses Thema eindrucksvoll aufgegriffen. Man findet drei eingefrorene Personen, die man nun, nach 300 Jahren, auftaut und reanimieren kann – unter ihnen einen ehemaliger Investor. Dessen erster Gedanke war, dass sich sein Vermögen innerhalb dieser Zeit unermesslich vervielfacht haben müsste. Doch dieses Geld existiert in der Zukunft natürlich nicht mehr, ihm läge auch überhaupt keine Bedeutung mehr inne. So wird dem Zuschauer klar, wie sinn- und wertlos das Lebenswerk unseres Protagonisten auf einen Schlag wurde, etwas, das zu seiner Zeit noch essenziell und alles bestimmend war.
Die Kluft zwischen unserer realen Gegenwart und dem fiktiven Star-Trek-Futurismus wird in dieser Folge besonders deutlich und zeigt, wie banal Geld und Vermögen sein bzw. werden kann. Und obwohl die Welt rund um Captain Kirk, Picard und Co. lediglich eine Geistesschöpfung Gene Roddenberry´s ist, so scheint es doch, dass man in ihr glücklicher, zufriedener und sorgloser lebt. Ist die geldlose Gesellschaft also unser Ticket in eine bessere Welt, die ultimative Lösung? Ist sie überhaupt erstrebenswert? Realistisch oder einfach nur Utopie?

Fakt ist: Betrachtet man die Historie der Menschheit, dann ist Geld eine relativ junge Erfindung. Die Menschheit, beginnend mit dem Homo sapiens, existiert bereits seit rund 160.000 Jahren. Geld, in seiner Form als geprägtes Zahlungsmittel, gerade einmal seit 700 Jahren. Die geldlose Gesellschaft funktioniert also. Funktioniert sich aber auch heute noch?

Die Idee hinter dem Geld

Im Grunde ist Geld ein Wertersatz. Anstatt, wie früher, Waren unmittelbar gegen Waren oder Dienstleistungen zu tauschen, wird ein Zwischentauschmittel verwendet, das den Bedarf des Empfängers zwar nicht unmittelbar deckt, aber dafür für weitere Tauschgeschäfte verwendet werden kann. Hierfür ist natürlich eine umfängliche und breite Akzeptanz nötig. Das Grundprinzip des Zwischentauschmittels ist bereits erheblich älter, als es Geld in seiner bekannten Form ist, und basiert auf einem Bedarfs- und Begehrtsheitsprinzip. Bekannte urtümliche Zwischentauschmittel waren beispielsweise Gold und Edelsteine. Sie sind jedoch, wie alle anderen Tauschmittel auch, abängig vom Tauschpartner. Das unterscheidet das Tauschmittel vom Geschenk: Man versucht, möglichst wertgleich zu tauschen. Gelingt dies nicht, kommt entweder kein Tauschgeschäft zustande, oder aber es findet ein einseitiges Gewinn- oder Verlust geschäft statt. Das Problem, sowohl beim direkten Tauschgeschäft wie auch beim Zwischentauschmittel, ist seine Akzeptanz. Was regional funktionierte musste überregional nicht zwangsläufig auch funktionieren. Es lag entweder kein Bedarf vor, oder man kannte das Tauschobjekt vielleicht auch gar nicht. Kontinental übergreifend könnte es sogar sein, dass andernorts ein Überangebot an diesem Tauschmittel herrschte, was wiederum plötzlich ein Ungleichgewicht hervorruft, und damit unter Umständen vielleicht sogar einen Wertverfall. Das einzige, global wirklich jemals ohne Einschränkung funktionierende Tauschmittel in der Menschheitsgeschichte, waren Lebensmittel. Mit zunehmender Industrialisierung wurde hier jedoch schnell der Bedarf gedeckt, später ein Überbedarf erzeugt. Lebensmittel funktionierten nicht mehr.

Je mehr die Menschheit den Globus erschloss, desto krasser war der Unterschied zwischen den Tauschgütern und deren Wertstellung. Das hätte den Handel, der noch längst nicht so materiell und gewinnorientiert ausgerichtet war, wie er es heute ist, global zum Stillstand bringen können. Die Lösung fand sich in einem Zwischentauschmittel, das breite Akzeptanz fand: geprägte Zahlungsmittel, also Münzen. Diese Form der Bezahlung unterschied sich anfangs noch nicht wirklich gravierend vom klassischen Tauschmittel, da es sich auch weiterhin um ein Tauschgeschäft handelte, wenn auch indirekt. Der spätere Verlauf und die weitere Entwicklung, hin zur Währung als ultimatives Zahlungsmittel weltweit, ist indes weit komplexer, und hat bis dato groteske Formen angenommen, da Geld heutzutage und streng genommen nur noch fiktive Werte sind.

Wie wirkt sich Geld auf unser Leben aus?

Geld ist universell. Wer es haben will, der muss es sich verdienen, entweder durch den Verkauf von etwas, oder durch die Vermietung der eignen Arbeitskraft und damit Lebenszeit. Da heutzutage alles auf diesem universellen Zahlungsmittel basiert, ist Geld eine zwingende Notwendigkeit, um das eigene Überleben zu sichern. Wer nichts verkauft, oder sich selbst nicht an den Wirtschaftskreislauf vermietet, der hat kein Geld. Die zwangsläufige Folge ist die Gefährdung der eigenen Existenz. Die Existenzssicherung ist also auch weiterhin das eigentliche Antriebsmittel. Wer sein Überleben sichern konnte, der hat nun aber die Möglichkeit, darüber hinaus Geld zu verdienen und somit einen Überfluss zu generieren: der soziale Status entsteht. Der Begriff des „Lohnsklaven“ bezieht sich dabei streng betrachtet also nicht nur auf ausgesprochene Geringverdiener, man kann es auch wirtschaftlich ganzheitlich anwenden, denn aus der Notwendigkeit heraus ergibt sich, dass die Menschen bereit sind Dinge zu tun, die sie unter anderen Umständen vielleicht nicht tun würden. Sie werden „gezwungen“. Individuelle Vorlieben sind nebensächlich, es zählt nur noch, dass man eine Arbeit hat, nicht mehr welche.
Grotesk daran ist, dass Geld inzwischen nicht mehr wirklich zu existieren scheint. Es kann beliebig vermehrt werden, ein Großteil der wirtschaftlichen Geschäfte erfolgt digital auf elektronischem Wege, das tatsächlich in Umlauf gebrachte Hartgeld steht dabei im krassen Widerspruch zum globalen Finanzwesen. Am Geld wird alles gemessen; vom eigenen Überleben, über den sozialen Status, der Wert von Waren, Unternehmen und Ländern, ja, sogar von Tieren und Menschen, bis hin zum Wert der eigenen Lebenszeit, die man dafür opfert. Das System ist dabei so komplex und aufeinander aufbauend, dass der Zusammenbruch eines einzigen Wirtschaftszweigs verheerende Folgen auf die globale Finanzlage haben kann – die Entwertung des Geldes oder einer Währung entwertet gleichzeitig jeglichen bereits geleisteten Einsatz.
Die Wertstellung des Geldes ist inzwischen derart allumfassend, dass eine generelle Verknüpfung zwischen Geld und Person sowie deren Leistungsbereitschaft geschaffen wurde. Es ist kaum mehr vorstellbar, dass Menschen ohne Geldanreiz überhaupt noch zu Leistungen fähig sind, oder gewillt. Im Umkehrschluss messen wir unsere eigene Zufriedenheit am Geld, bzw. an dessen Vorhandensein oder Nichtvorhandensein. Viele Menschen empfinden es nicht einmal mehr als persönlich störend, wenn sie einen Großteil ihres Lebens mit Aktivitäten und Tätigkeiten verbringen, um sich ihr Geld zu verdienen, die sie ohne Geld vermutlich niemals täten, die es ohne Geld vielleicht noch nicht einmal geben würde. Andere wiederum kranken an diesem System – die berühmten Volkskrankheiten.

Motivation mit und ohne Geld

Gehen wir einmal vom Menschen und von Menschen geschaffener Dinge weg, dann bleibt eine durchweg geldfreie Umgebung übrig. Um das eigene Überleben zu sichern, bringen Tiere in freier Natur Höchstleistungen zustanden, die sie vermutlich nicht als Arbeit empfinden, oder als lästige Pflicht. Auch Partnersuche und sozialer Status findet sich in der Tierwelt, ganz ohne geldwerte Leistungen. Die Motivationen sind fundamentaler und ehrlicher, natürlich aber auch nicht so komplex wie die unseren. Auf das Wesentliche reduziert, ist der Antrieb jedoch der selbe, und reduziert sich auf eben jene drei Grundbedürfnisse: Überleben, Partnersuche/Fortpflanzung sowie Status. Der beste Jäger innerhalb eines Rudels genießt Respekt und Ansehen und wird so zum Leittier. Ihm stehen vermutlich weitaus mehr potentielle Sexualpartner zur Verfügung, und er wird vom Rudel beschützt, was sein Überleben zusätzlich sichert. Der Leitwolf der Menschen ist folglich die Wirtschaft, der Kapitalismus. Doch so recht beschützen kann uns die Wirtschaft nicht, im Gegenteil, und die Partnersuche ist mehr und mehr an wirtschaftliche Faktoren geknüpft, auf die der Ottonormalbürger eigentlich überhaupt keinen direkten Einfluss hat. Auch hier unterscheiden wir uns im Fundament gar nicht so sehr von der geldlosen Natur, denn auch der Leitwolf im Rudel muss sich stets neu beweisen und seinen Rang gegen andere behaupten. Ganz ähnlich also, wie bei der täglichen Arbeit im Konkurrenzkampf gegen Kollegen, Mitbewerber, Beförderungen und Co. Nur, dass wir unseren Konkurrenten nicht einfach mit einem Genickbiss dahinstrecken können. Der Mensch muss also für die Sicherung der selben drei Grundbedürfnisse, die auch Tiere antreibt, erheblich mehr leisten. Um diesen Leistungsdruck auszugleichen leisten wir freiwillig noch mehr, damit wir mehr Geld verdienen, und uns überflüssige aber schöne und zuweilen glücklich machende Güter kaufen können, die wiederum Status verkörpern. Es ist ein unaufhaltsamer Kreislauf, denn unser Beitrag zu diesem wirtschaftlichen System ermöglicht es dem System, noch weiter zu wachsen und noch mehr zu fordern.

Wie sähe die Welt ohne Geld aus?

Adam Smith erklärte das gezielte Lenken von Kapital und Produktivität in genau die Richtung, die eine Profitmaximierung bedeutet, mit dem Begriff der „unsichtbaren Hand des Marktes“. Vereinfacht ausgedrückt will damit gesagt sein, dass eine erhöhte Produktivität, folglich die Richtung, in der am meisten Kapital erwirtschaftet wird, nutzbringend für die Allgemeinheit ist. Doch bei weitem nicht jeder kapitalträchtige Markt ist tatsächlich positiv für die Allgemeinheit. Im Gegenteil, es sind sogar die mit Abstand schädlichsten Absatzmärkte überhaupt, die den meisten Gewinn erzielen: Drogen, Waffen, Menschenhandel. Und das müssen nicht einmal kriminelle Geschäfte sein, denn der staatliche Waffenhandel, Pharmakonzerne oder auch die Tabaklobby stellen einen nicht unerheblichen Prozentsatz des Kapitals.

Nehmen wir der Welt nun also einmal das Geld weg. Was bleibt, ist die persönliche Motivation zur Arbeit. Die kann in vielen Fällen bereits aus purer Langeweile generiert werden. Die Welt ist insgesamt aber schon zu sehr industrialisiert, als dass jeder Selbstversorger spielen könnte – alleine der private Platzmangel an Anbaufläche erstickt diesen Ansatz im Keim. Man ist folglich trotzdem gezwungen zu arbeiten, um sein Überleben zu sichern. Unter Umständen aber, könnte man wieder bedarfsorientiert arbeiten. Faktisch jedoch, würde ein großter Teil der Menschen andere Tätigkeiten anstreben als sie bisher ausübten. Es sind gerade die körperlich schweren und die stupiden Arbeiten, die bislang unsere Wirtschaft am Laufen hielten. Arbeiten, die freiwillig nur noch wenige übernehmen wollen würden. Es muss ein Anreiz geschaffen werden, und der beginnt mit einem Umdenken. Nicht mehr der eigene Profit darf im Vordergrund stehen, sondern das Allgemeinwohl. Jeder bringt seine Fähigkeiten dort ein, wo er glaub, dass sie am sinnvollsten platziert sind. Zeitgleich würden aber viele Branchen auf einen Schlag wegfallen. Sämtliche Jobs im Finanzwesen und der Werbung beispielsweise. Der Weg, weg vom Geld, wäre ein langwieriger Prozess, der eine oder gar zwei Generationen locker überdauern kann. Da aber keine Gewinnmaximierung mehr im Vordergrund steht – aus Ermangelung eines Nutzens und einer Notwendigkeit – würde die Ausbeutung des Planeten rückgängig werden. Man müsste nicht mehr im Überfluss produzieren. Doch wer ernährt die, die uns ernähren?

Die Entwicklung weg vom Geld wäre eine Entwicklung zurück zum Tauschgeschäft. Die Frage ist nicht, ob so eine Entwicklung erstrebenswert ist, denn die Frage ist, zumindest humanitär, ganz klar mit Ja zu beantworten. Vielmehr stellt sich die Frage, ob eine praktische Umsetzung überhaupt noch möglich ist.
Würde sich eine Gesellschaft wie die unsere zu diesem Schritt entschließen, wie würde das Ausland darauf reagieren? Würde der Handel einbrechen, oder gäbe es alternative Exportmöglichkeiten? Wirtschaft wird auch weiterhin bestehen, es geht also eher um die Form, und wie wir sie gestalten und umsetzen möchten.
Kann der kapitalisierte Mensch überhaupt noch umdenken? Ein zu krasser Umschwung würde eine reine Sozialisierung zur Folge haben, die erfahrungsgemäss nicht funktioniert und sich ins Gegenteil wendet. Allgemeingut statt Eigentum müsste die Lösung sein, doch auch der Kommunismus, der auf ähnlichen Ideen basiert, funktioniert nicht im Sinne des Allgemeinwohls. Anarchie ist ebenfalls keine Lösung.
Vielleicht ist die Herausforderung die, einen Mittelweg zu erschaffen, zwischen Industrie und Wirtschaft und persönlicher Motivation. Vielleicht muss Geld nicht kategorisch abgeschafft werden, sondern es reicht, den Stellenwert zu verändern, damit Geld nicht alleine Anreiz ist und Geld und Wirtschaft keine Gewinnmaximierung fordern, sondern einen sinnvollen Einsatz dort, wo es gebraucht wird.

Über Andreas Kappler

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