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Chinas Angst vor der eigenen Courage

Bild: Daniel Pittner  / pixelio.de
Bild: Daniel Pittner / pixelio.de

(AK) Das schnelles Wachstum viel Geld kosten kann, wissen alle Eltern, wenn sie ihren Kindern ständig neue Schuhe oder Kleidung kaufen müssen. Ein wenig ähnlich muss sich gerade die chinesische Regierung fühlen. Konnte sie noch ihren zuvor meist ärmlich gekleideten Kindern mit einer Grundausstattung die Teilnahme an Boom und Wirtschaftswunder der letzten Jahre ermöglichen, beginnt die Geschichte aus dem Ruder zu laufen. Eine mittlerweile auch durch Hilfe staatlicher Subventionen gut versorgte Mittelschicht sättigt die Besiedelung und Märkte der neuen Millionenmetropolen. Nachschub aus ländlicher Region ist nicht in Sicht, sei es als Markt oder durch wachsenden Konsum. Die hohen Wachstumszahlen speisen sich vor allem aus Tätigkeiten, die der chinesische Staat selbst unternimmt und sind zudem mit Vorsicht zu genießen.

Kinderkrankheiten einer jungen Marktwirtschaft

So ganz vergessen haben die chinesischen Wirtschaftslenker wohl ihre so angenehm kalkulierbare Planwirtschaft noch nicht. Zwei Jahrzehnte, seit der Öffnung und zunehmenden Liberalisierung der Märkte, bombardieren uns Chinas Offizielle mit Wachstumszahlen, die einem Wunder gleichen. Zu Beginn der Marktöffnung konnten zweistellige Zuwachsraten noch durch die unterentwickelte Infrastruktur und die fast gänzliche Abwesenheit von privatem Konsum erklärt werden. Seit rund zehn Jahren ist nun der Binnenmarkt in China weitgehend marktwirtschaftlich organisiert, auch wenn es noch ziemlich große geographische Löcher auf der ökonomischen Landkarte gibt. Die Wirtschaft Chinas ist als Welthandelspartner in vielen Branchen mitten im globalen Wirtschaftsspiel dabei und kann durch eine rücksichtslose Arbeitsmarktpolitik Produkt- und Materialpreise auf den Markt bringen, die anderswo unmöglich sind. Die Kombination an planwirtschaftlichem Arbeitskraftkalkül und Preisbildung nach den Regeln der freien Marktwirtschaft zeigt sich in Marktsegmenten wie der Kunststoffherstellung, Gewinnung von Rohstoffen oder dem produzieren von Plagiaten am offensichtlichsten. Kunststoff wird mit den preiswertesten Methoden ohne Ansicht gesundheitlicher Aspekte erzeugt, bei der Rohstoffgewinnung gibt es keinen Arbeitnehmerschutz und Plagiathersteller sparen sich hohe Forschungs- und Entwicklungskosten. Diese Vorteile führen in einer Waren- und Wirtschaftswelt, die vom Preis diktiert wird, zu den von China bekannt gegebenen Wachstumszahlen.

Glaube nur der Statistik, der du glauben willst

Eine weiter Gemengelage zwischen marktwirtschaftlichem und planwirtschaftlichem Vorgehen erzeugt China durch seine veröffentlichten Zahlen. Naturgemäß sind die Wachstumszahlen in einem derart großen und bevölkerungsreichen Land nur sehr aufwändig zu ermitteln. Während in den Anfangsjahren des Booms die wenigen Schnittstellen der Wirtschaftstätigkeit zum Ausland hin tatsächlich zweistellige Wachstumszahlen belegten, bedeutete die zunehmende Verzahnung gleichzeitig die Erhöhung der statistischen Erhebungsgelegenheiten. Parallel ab Öffnung des chinesischen Marktes und spätestens mit dem Beitritt in die Welthandelsorganisation 2001 entwickelten sich die Konjunkturzahlen zunehmend transparenter. Der chinesische Import und Export von Gütern geriet immer wieder in Konflikte mit anderen Ländern und ausländischen Handelsregionen. Die daraus folgenden Abschottungsversuche oder Vertragswerke spülten immer mehr statistische Informationen nach oben. Die deckten sich zunehmend nicht mit den von offizieller Seite verlautbarten Angaben. Im Jahr 2007 erreichte das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts laut chinesischen Angaben über 14 Prozent. Diesem Allzeithoch folgte 2008 ein Wachstum von über vier Prozentpunkten weniger. Die Zahlen der Handelspartner Chinas im privaten oder zwischenstaatlichen Bereich passten zunehmend nicht mehr zueinander.

Ist wirklich etwas passiert?

Die aktuellsten Nachrichten aus dem Boomland China, dessen rasanter Aufschwung scheinbar kein Ende nehmen wollte, melden eine Abschwächung der Konjunktur. Ähnlich überhitzt, wie die Marktsignale, Nachrichten und Tendenzen auf dem Weg nach oben aufgenommen wurden, reagiert die öffentliche Meinung sehr besorgt und sieht bereits den Absturz des einstigen Vorzeigelandes kommen. „Nur“ etwas über sieben Prozent beträgt das vermeintliche Wachstum dieses Jahr. Erstaunlicherweise deckt sich das mit den Erwartungen der chinesischen Regierung, die ausdrücklich keine Prognosen erstellt sondern nach eigener Angabe die tatsächlichen realen und landesweit erfassten Wachstumszahlen bereits nach drei Wochen verkünden kann. Hier fließen sowohl die Produktivität der Landwirtschaft in Landesteilen wie Tibet und südchinesischen Agrarregionen ein wie das Handelsvolumen der Mega-Metropolen an der Ostküste als auch die Ergebnisse der Rohstoffgewinnung und Veräußerung aus zentralchinesischen Provinzen. Dazu kommt die Hausbaurate der über 1,3 Milliarden Chinesen und unzählige weitere Einzeldaten aus dem viertgrößten Flächenstaat der Erde. Viele Indikatoren im Außenhandel und in den Bilanzen von ausländischen Unternehmen, die in China investiert haben, sprechen eine andere Sprache.

Des Kaisers neue Kleider

Bei der Bewertung der Wirtschaftszahlen aus China korrigieren immer mehr ausländische Beobachter, Analysten und Wirtschaftsexperten ihre Prognosen nach unten. Vielerorts macht die Meinung die Runde, dass den Zahlenangaben von chinesischer Seite kein Glauben zu schenken sei. Sicher ist nur, das die Geschwindigkeit des Wachstums abnimmt. Aufgrund der mutmaßlich seit Beginn der Marktöffnung geschönten Wachstumsangaben ist der Rückgang in manchen Bereichen exorbitant. Es stellt sich die Frage, ob mit dem bereits melodramatischen Abgesang auf das chinesische Erfolgsmodell nicht nur eine Zahlenbereinigung statt findet, die in jeder westlichen Wirtschaft zum Grundrepertoire der statistischen Erhebung gehört.

Weitere Quellen:

http://www.welt.de/wirtschaft/article118340525/Die-Angst-vor-Chinas-endlosem-Absturz.html

 

Über Andreas Kappler

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