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Atomklo Gorleben – Die Lüge vom sicheren Endlager

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(AK) Der NDR – Reporter Christoph Lütgert geht in seiner Panorama – Reportage der Frage auf den Grund, warum der umstrittene Salzstock Gorleben in Niedersachsen als Endlager für atomaren Abfall gehandelt wird. Wie genau kam es überhaupt zu dem Standort? Und warum prüft Deutschland nach den Pleiten von Morsleben und Asse beharrlich nur einen einzigen Salzstock, statt, wie beispielsweise die Schweiz, auch alternative Gesteins-Standorte in die Prüfung miteinzubeziehen? Bei seinen Bohrungen fördert Lütgert erstaunliche Erkenntnisse über die Entscheidungsmechanismen in der föderativen deutschen Parteiendemokratie zutage.

Erste Kontaktaufnahme: Die Bürger im Süden

Lütgert sieht sich zunächst in der baden-württembergischen Landschaft, geologisch des Aargau, um. Hier sind Vorkommen an alternativem Gestein wie Ton vorhanden. Er befragt die Bürger nach ihrer Haltung zu einem möglichen Atomendlager: Nicht eine Stimme äußert sich positiv zugunsten eines Lagers in ihrer Heimatregion. Offen wird teilweise zugegeben, dass einem „das eigene Hemd näher sei“, der Müll solle doch bitte im Norden verbleiben.
Das sieht auch die Politik so. Der CSU-Bürgermeister gibt klar zu erkennen, dass er dem Vorschlag einer alternativen Prüfung der „sensiblen Gegend“ des Bodensees in jedem Falle ablehnend gegenüber stünde. Es gebe da ja nun auch geologsiche Gutachten, die einwandfrei bestätigten, dass Salz die bessere Ummantelung sei.

Reise in die Vergangenheit

Lütgert läßt sich in die 70er Jahre zurückfallen. Genauer gesagt ins NDR-Archiv. Hier stellt sich nach Sichtung der einschlägigen Bänder heraus: die damals erbrachten Gutachten sprachen von diversen Standorten. Nur nicht von Gorleben. Genannt wurden indessen Lütau, Fasberg, Ahlden, Wahn, Uchte, Oberwesel, Sohlhöhe, Mahlberg. Allesamt Salzstöcke. Später hatte es auch weitere Vorschläge für Süddeutschland gegeben, wegen der entsprechenden Tonvorkommen.
Die Entscheidung für Gorleben wurde in einer Nachrichten-Sendung verbreitet und schaffte Fakten. Die Intention war offenbar folgende: der damals verantwortliche niedersächsische CDU- Ministerpräsident Ernst Albrecht sah in Gorleben zwei Vorteile: eine geringe Bevölkerungsdichte und eine geographisch unmittelbare Nähe zur DDR-Grenze. Damit war und ist Gorleben keinesfalls der wissenschaftlich gescheiteste Standort, stellt Lütgert heraus. Vielmehr war er von Anfang an politisch motiviert. Das entsprechende Gutachten kann Lütgert durch den Besuch bei dem federführenden Prof. Klaus Duphorn klären. Nach dessen Angaben wurde ihm angeraten, sein Gutachten kontra Gorleben nochmals intern zu diskutieren und schließlich umzuschreiben. Er hatte damals schon die Befürchtung geäußert, dass der Salzstock nicht sicher sein könne. Wasser könne eindringen.

Wie fühlt sich ein Betroffener?

Lütgert reist weiter, ins niedersächsische Wendland. Der betroffene Landwirt Horst Wiese, unter dessen Felder sich ein Salzstock befindet, hatte damals den Probebohrungen zugestimmt. Warum er das getan habe, will Lütgert wissen, er hätte doch mit seinem „Nein“ die dortige Prüfung verhindern können. Nun, die Antwort ist so klar formuliert wie einleuchtend: Man habe viel Atomstrom genutzt, da müsse der Müll ja nun irgendwohin. Warum er denn nun plötzlich so vehement dagegen sei, dass diese Gegend dafür genutzt werde, fragt Lütgert weiter. Daraufhin erklärt Wiese, dass man immer nur belogen würde. Die Risiken, die Schäden, das habe ihm niemand gesagt. Nun habe er das Vertrauen verloren. Sinngemäß steht er damit für die enttäuschte Republik, die sich auf die Worte der Politiker verlassen hatte und betrogen wurde. Der Mann ist frappierend ehrlich. Inzwischen hat er seine Felder verpachtet.

Und was sagt die CSU dazu?

Ein Schnitt und Lütgert ist wieder zurück im Süden, diesmal in Bayern. Er interviewt den CSU-Bundestagsabgeordnete Max Straubinger in seinem Wahlkreis. Straubinger gibt die Reaktion auf die Atomlagersuche im bajuwarischen „derb“ wieder: „Wenn ihr eine weitere Endlagersuche veranstaltet, zünden wir die Republik an!“ Er argumentiert mit Ressourcenverschwendung, wenn man das Engagement in Gorleben nicht fortführe. Lütgert sieht es parteipolitisch. Er müsse an das Floriansprinzip denken: „Oh heiliger Florian, verschon mein Haus, zünd andre an…“ Mit leichtem Spott auf die Bayern und ihren Katholizismus kommentiert Lütgert, dass gerade die CDU/CSU – geführten Länder sich vehement für den Atomstrom und entsprechende Laufzeitverlängerungen eingesetzt hätten, aber ebenso vehement eine Lagerung des Mülls in ihren Wahlkreisen verhinderten. Eine These, die Lütgert weiter verfolgt.

Das Desaster von Morsleben

Schnitt. Morsleben. Ein atomares Endlager, das in einem Skandal endete. Lütgert besucht das Endlager der ehemaligen DDR bei Helmstedt. Das Skandalöse daran sei, dass es nach dem Fall der Mauer einfach weiter benutzt wurde – trotz arger Bedenken. Hier rosten nun Fässer mit atomarem Giftmüll. Auf Nachfrage bestätigt der Leiter, dass dies die Fässer seien, die 1997 und 1998 eingelagert worden seien. In der Regierungszeit von Umweltministerin Angela Merkel, komplettiert Lütgert.
Es werden Archivaufnahmen präsentiert, die Angela Merkel behelmt zeigen. Sie spricht über die Sicherheit eines Bergwerks, wohl Morsleben. Nach jetzigen Erkenntnissen sei es dort sicher. Außerdem ginge es ja gerade nicht um die Fässer, der Einschluss im Salz würde die Sicherheit gewährleisten.

Lütgert kommentiert im off, wie er mehrmals erfolglos versucht habe, die heutige Kanzlerin Angela Merkel für eine Interviewanfrage zu gewinnen. Sein direkter Versuch, sie auf einer Veranstaltung der Frauen-Union in Duisburg persönlich zu erwischen, ist zu sehen. Angela Merkel antwortet auf seine Frage nicht. Aber es sei ihm im Nachgang ein Statement zugegangen, wonach sie sich bei der Entscheidung in Morsleben auf ihre Experten verlassen habe. Zwei Milliarden Euro habe diese Fehlentscheidung gekostet, lässt Lütgert noch wissen.

In Asse nicht besser

Ein ähnliches Desaster erfolgte im Atomendlager Asse. Auch hier hat das Wasser durch Bergwanderung einen Weg zu den 128.000 Fässern gefunden. Ständig muss Wasser aufgefangen werden. Hinter Wänden, so Lütgert und der Leiter, rotten weiter gelbe Fässer vor sich hin. Lütgert will es genau wissen: Nein, aus heutiger Sicht sei es nicht mehr nachvollziehbar, wie man Asse als Standort hätte wählen können. Und es ist seine Kritik an den verantwortlichen Politikern, die Lütgert wiederholt: offenbar wolle man in Gorleben ein drittes Mal die Fehler von Morsleben und Asse wiederholen.

Dazu trifft er sich mit dem Experten für Geophysik, Prof. Gerhard Jentzsch in Jena. Dieser erklärt und bestätigt, dass die eiszeitliche Aktivität das Deckgebirge in Gorleben beschädigt habe. Genau das sei auch in Asse passiert. Obwohl die Fälle nicht zu hundert Prozent vergleichbar seien, gäbe es hier wie dort Wasser. Wenn dieses zum Transportmittel im Bergwerk werde, drohe eine Katastrophe.

Sachstand Gorleben – damals und heute

Der Salzstock Gorleben indes wurde seit nunmehr zehn Jahren nicht mehr erforscht. Dafür sorgte das Moratorium Gorleben und inzwischen Klagen der Atomgegner.

Schließlich soll sich auch der ehemalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zu der Gorlebendiskussion äußern. Der hatte den Vorschlag eingebracht, man möge doch im Zusammenhang prüfen, ob der Atommüll nicht in Ton- oder Granitformationen sicherer eingeschlossen sei als in Salz. Heftigster Protest sei dagegen aus Baden-Württemberg und Bayern gekommen. Lütgert fügt ergänzend hinzu: Von den damaligen Ministerpräsidenten Oettinger und Stoiber. Gabriel spricht vom Sperrfeuer der CDU/CSU. Danach sei der Vorschlag tot gewesen.

Lütgert bohrt weiter. Er besucht den heutigen EU-Energie-Kommissar Günther Oettinger in Brüssel. Dieser lässt nun die EU-Staaten antreten, binnen der kommenden vier Jahre eine Lösung für das Endlagerproblem vorzustellen. Allein, in Deutschland wurden zu Gorleben keinerlei Alternativuntersuchungen mehr unternommen. Lütgert will wissen, ob man denn nun mit diesem Zeitdruck Fakten schaffen wolle? Und ob da nicht der ehemalige Ministerpräsident Oettinger mit dem heutigen EU-Kommissar im Widerspruch läge? „Nein, überhaupt nicht,“ gibt dieser zurück. Erstmalig sei nun überhaupt von einem Zeitfenster die Rede, was nur bedeute, dass man das Problem nicht weiter aussitzen könne.

Lütgert reist zu Stoiber auf die Zugspitze. Zu seinem eigenen Erstaunen gibt dieser bereitwillig in Stoiber-Sprech zu, dass er gegen die Suche nach Alternativen in Bayern sei. Er weist ähnlich wie sein CSU-Kollege zuvor daraufhin, dass man ja nun schon Millionen in Gorleben investiert hätte. Die könne man nicht so einfach „versenken“ und alternativ von vorne anfangen. Zumal die Entscheidung gefallen sei. Würde Gorleben sich am Ende der Prüfung als ungeeignet herausstellen, seien alle aufgefordert, eine Alternative zu suchen. National und international.

Lütgert komplettiert im off: „Wenn nicht nach Gorleben, dann nach Russland“. „Internationale Lösungen darf man nie ausschließen,“ lächelte Stoiber beim Abschied.

Zu Besuch bei den Eidgenossen

Eine fortschrittliche Lösung findet Lütgert in der Schweiz. Es ist bekannt, dass die Schweizer sehr umsichtig und wissenschaftlich fundiert das Endlagerproblem angehen, obgleich sie selbst nur fünf Atomkraftwerke in Benutzung haben. Lütgert unterstellt, dass die Umsichtigkeit, mit der sie auf Anweisung ihres Bundesrates drei Standorte absolut gleichwertig untersuchen, das Mittel sei, um Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung zu erhalten.

Das bestätigen auch die beiden Verantwortlichen im Felslabor Mont-Terri. Dr. Paul Bossart und sein Geologenkollege gehen auf Nachfrage noch weiter. Es habe sich laut den vorliegenden Forschungsergebnissen bereits erwiesen, dass „das Heil für die Endlagerung im Tongestein zu suchen“ sei. Es sei sehr robust und könne radioaktiven Müll sehr lange umschließen. Die Entscheidung sei bereits gefallen. Lütgert formuliert salopp, in Deutschland sei indes allein die Schamgrenze gefallen. Die Schweizer Verantwortungsträger in der Politik wüssten eben noch, dass ihnen jeder andere unlautere Umgang in der Sache beim nächsten Volksentscheid um die Ohren fliegen würde.

Hier sehen Sie die Reportage:

Über Andreas Kappler

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Ein Kommentar

  1. Gabriele Schiele

    Eine Lösung für das „Atommüllproblem“ hat ein Team aus unabhängigen deutschen Kernphysikern und Ingenieuren entwickelt. Um dieses Projekt gut zu finden, muss man kein „Atomkraftbefürworter“ sein.
    http://dual-fluid-reaktor.de/technik/prinzip

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